Etappe 19 – Von Havelberg nach Tangermünde – 37,8 km

Heute endet die Wanderung entlang der Elbe nach über 250 km. Natürlich spielt auf allen Etappen die Natur eine tragende Rolle, ein Biosphärenreservat nach dem anderen, Störche, Rehe, Schlangen und viele Vögel kreuzten meinen Weg. Von den Städten her sind natürlich Hamburg und Tangermünde die herausragenden, trotzdem bin ich froh, die anderen gesehen zu haben. Nur so komme ich zu einem Gesamtbild, was in den letzten Jahrzehnten gut und weniger gut lief.



Havelberg – Sandau – Dalchau – Arneburg – Storkau – Tangermünde

Seit gestern kann ich nachvollziehen, wie es den Elternstörche in schlechten Zeiten geht: den ganzen Tag Futter suchen und fast nichts finden. Mit ein paar Keksen habe ich dann doch überlebt. Heute wird ein guter Tag. Zwar Frühstücken in der Bäckerei, aber zwischen drin immer wieder ein Ort, der zumindest nach kulturellem und essbaren aussieht. Auf die Reihenfolge lege ich doch noch Wert. Noch!

Nach Sandau geht es parallel zur Elbe auf einem landwirtschaftlichen Weg durch den Wald. In Sandau, wieder eine Deichbauprojekt mit der Rückverlegung eines Abschnitts, gehe ich zur Fähre. Leider fährt die Fähre derzeit nicht, nach verbessertem handschriftlichen Eintrag bis 30.08.20 nicht. Da ich nicht weiß, ob der Eintrag der Sperrung nicht noch einmal handschriftlich verlängert wird und ich noch nicht die Geduld habe soooo lange zu warten, als zurück und mit der Fähre Werben, ebenfalls eine mir unbekannte Hansestadt, ans andere Ufer. Werben ist wohl die kleinste Hansestadt Deutschlands. Die Fähre Werben wird nur über die Strömung angetrieben. Sie hängt an einem langen Seil mit Schwimmpontons in der Flussmitte und durch die Stellung der Ruder fährt sie quer zum Fluss. Eine sehr leise und umweltfreundliche Art des Transports. Von dort geht es mit dem Taxi zum Ausgangspunkt auf der anderen Seite von Sandau. Ein bisschen unvorhergesehenes gehört halt auch dazu. Dafür habe ich vom Taxifahrer gleich eine landschaftliche Erläuterung (früher-heute), über Wertverluste eines vor der Wende teuer erstandenen Trabis und über die Härten des Taxigeschäftes erhalten (ich bin der zweite private Kunde dieses Jahr).

Weiter gehts zu Fuß über Dalchau nach Arneburg. Gleich am Hafen im ersten Lokal mit Blick zur Elbe, dem Hafen, der Stadt und der Burg Halt gemacht. Ein voller Rundblick von der Terrasse. Kein anderer Gast stört. Die Speisekarte isr überschaubar und man muss zum Lokal ab- und wieder aufsteigen, also nichts für Radfahrer. Nach der Currywurst (der Wirt hatte schon eine angenehme Schärfe angekündigt, was leicht untertrieben war) wieder hoch zur Burg. Die Currywurst treibt mir die Tränen in die Augen, der Anstieg den Schweiß aus den Poren. Die Stadt thront am Steilhang über der Elbe.

Weiter gehts nach Storkau, ein Örtchen mit einem Schloss an der Elbe. Es bietet sich zum Kaffeetrinken an. Leider ist es für Touristen wegen Corona geschlossen. Für wen ist es dann offen? Einheimisch werden hier wohl kaum übernachten. Der Weg dort hin führt über eine ca. 3 Meter breite Betonstraße, relativ neu gefertigt. Sie geht 6 Kilometer kerzengerade und nimmt dafür jede Bodenwelle mit. Auf beiden Seiten ist die Straße eingewachsen, so dass ich in einem grünen Tunnel laufe. Was macht ein Bauingenieur, der gerade eine Baustelle mit Betonflächen abgeschlossen hat. Er schaut sich die Qualität an. Der tägliche Ansatz des Fertigungsbeginns ist an der Betonstruktur deutlich zu erkennen. Schwups, wird die jeweilige Länge gemessen und die Tagesleistung berechnet. 700 Meter pro Tag bei den beengten Verhältnissen ist OK.

Schon von weitem ist Tangermünde in Sicht. Zwei Gebäude ragen heraus, der Kirchturm und ein weniger gelungenes neueres Gebäude. Beim Näherkommen wird klar, es ist das Verwaltungsgebäude eines größeren Bauunternehmens. Schon die Vorortstraßen bzw. die Gebäude daran sind gut in Schuss und mit einer Gesamtkonzeption saniert worden. Die Bauweise ist eine zweistöckige geschlossene Straßenrandbebauung, oben 3 Fenster unten 2 und die Eingangstür. Jedes ist etwas anders restauriert, aber es gibt ein Bild.

In der Altstadt setzt sich dies fort. Die Gebäude sind aus verschiedenen Zeiten, trotzdem ergibt sich auch hier ein schönes Stadtbild. Viele Bauwerke gibt es zu bestaunen, wie die Stadtkirche, genau gegenüber meiner Zuckermeyersuite, die Burg oder auch das alte Rathaus. Eingefasst wird die Altstadt durch ein Tor auf der Südseite und einem Turm auf der Nordseite. Ich höre auf, dies jetzt alles weiter zu beschreiben, fahrt hin und schaut es euch selber an. Alle andere Städtchen auf meiner Wanderung an der Elbe zwischen Hamburg und hier könnt ihr dagegen vergessen. Tangermünde ist eine Reise wert. Es dürfte keinen Berliner Kollegen geben, der hier noch nicht war.

Historisch interessant ist auch die Geschichte von Grete Minde, die Theodor Fontane abwandelte. Die wahre Geschichte der Grete Minde ist bis heute für Historiker, vor allem für Rechtshistoriker sehr interessant.

Auch mein Hotelzimmer, Suite genannt, weil noch eine kleine Kemenate anschließt, ist themenbezogenen stilvoll eingerichtet. Genannt ist sie nach Zuckermeyer, der nichts mit Carl Zuckmayer zu tun hat, sondern nach einem hier ehemals ansässigen Industriellen Theodor Friedrich Meyer, der hier eine Zuckerfabrik aufgebaut hat. Die Lebensmittelindustrie ist heute noch hier ansässig. Besonders angetan hat es mir die Badewanne, in der gleich meine Füße wohlverdient nach 19 Wandertage entspannen dürfen und ich muss dann halt Wohl oder Übel mit hinein. Ich kann mich dann schon geistig auf das Abendessen in der alten Schule vorbereiten. Irgendwas mit Kreide habe ich schon auf der Speisekarte gelesen.

Oh, bei den Gesamtkilometern muss ich heute Abend noch einen Schnaps trinken.


Entfernung

Etappe – 37,8 km

Gesamt – 666,6 km

Höhenmeter

Etappe – 239 m

Gesamt – 3.257 m