Etappe 21 – Von Kleinbensdorf nach Netzen – 37,1 km

Der Rest des Übergangs bis Brandenburg an der Havel muss noch geschafft werden. Ich bin im Fontane-Land umgeben von märkischem Sand. Es ist eine Gegend, geprägt von flachem Land auf der einen Seite und jetzt doch immer spürbarer der Einfluss der nahenden Großstadt.



Neubensdorf – Plaue – Brandenburg an der Havel – Prützke – Netzen

Morgens frisch geht es 5 km der B 1 bis Plaue entlang. Viel Verkehr, aber noch erträglich. Die A 1 habe ich nur ein paar Mal gequert ( siehe erste Etappen), wenn ich die 5 km entlang gegangen wäre, hättet ihr mich im Radio hören können.

In Plaue begegne ich erneut Theodor Fontane, nicht mit einer seiner Geschichten, sondern als Statue. Geboren und aufgewachsen in Neuruppin in der Mark Brandenburg hat er mit den Wanderungen durch die Mark Brandenburg, aber auch mit vielen zu damaliger Zeit exoterischen Reisen das Genre der zu dieser Zeit sehr populären Reiseschriftstellerei aufgenommen. Man konnte wohl davon ganz gut leben. In Plaue gibt es noch ein Schloss, sehr schön am See gelegen, aber renovierungsbedürftig. Um von Plaue als Fußgänger nach Brandenburg zu kommen, muss ich über eine Brücke von 1902 gehen. Ich darf die Fahrbahn benutzen und muss nicht auf dem Fußgängerweg laufen (siehe Bild). Dies wäre sicher Abenteuer pur gewesen. Für mich hat die Brücke einen morbiden Charme. Schade wenn sie renoviert wird.

Auf der B1 gehts noch 8 km bis Brandenburg an der Havel. Hier wandere ich leichten Fußes vorbei am Krankenhaus (sieht neu und schick aus und mir reicht der Blick von außen) zum Dom. Die Stadt Brandenburg liegt eigentlich nicht an der Havel, sondern mitten drin. Überall sind es nur wenige Meter bis zum Wasser. Die meisten Seen in der Stadt und rund herum sind durch die Havel durchflossen oder mit Kanälen mit ihr verbunden. Im Sommer muss es eine Freude sein, hier zu leben, natürlich vorzugsweise mit Haus am Wasser und eigenem Boot. Einen Bootsführerschein habe ich ja schon.

Im Mittelalter bestand die Stadt aus zwei Stadtteilen mit jeweils eigener Stadtmauer, die Dominsel und die Altstadt. Wasser verbindet nicht nur, sondern kann auch trennen. Der ältere Teil ist nicht wie der Name suggerieren könnte die Altstadt, sondern die Dominsel. Über die erste urkundliche Erwähnung streiten sich die Gelehrten, aber die Stadt ist auf jeden Fall über 1000 Jahre alt. So ein Gelehrtenstreit hat auch seine Vorteile, man kann Stadtjubiläen zwei Mal feiern (manche Städte haben dies auch schon tatsächlich gemacht). Das Brandenburg mal eine sehr große Bedeutung hatte, wird schon daraus ersichtlich, dass der ganze Landstrich nach dieser Stadt benannt wurde, heute ein ganzes Bundesland. Die Bedeutung der Stadt Brandenburg sank mit dem Aufstieg von Berlin. Auch nach der Wende war der Aderlass erheblich. Die Einwohnerzahl ging sehr schnell von 94.000 auf 70.000 zurück und erholt sich jetzt ganz langsam.

Wenn in einem protestantischen Landstrich Kirchen schon offen sind, werfe ich auch gleich einen Blick hinein. Der Dom ist den ganzen Tag offen, die St. Katharienenkirche, die eigentliche Stadtkirche in der Neustadt, nur von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr. Doppeltes glücklicherweise bin ich kurz vor 12.00 Uhr in der Kirche, den heute gibt es zusätzlich noch ein Orgelkonzert am Mittag. Erst wird die Orgel erklärt. Die Orgel auf dem Bild ist unschwer als Barockorgel zu erkennen, aber ein Fake. Bei ihrer Erneuerung in den 20er Jahren blieben die Pfeifen als „Dekoration“ stehen und eine neue Orgel wurde dahinter errichtet, zuerst mit romantischem Werk, welches weicher klingt. In der Zwischenzeit wurde sie wieder auf Barock getrimmt (voluminöser), aber dazu Zusätzlich eine kleinere romantische Orgel eingebaut. Im vorderen Bereich der Kirche sind zwei weitere Orgeln, so dass die Kirche insgesamt 4 Orgeln besitzt (und eine Fake-Orgel). Alle Orgeln sind so verbunden, dass der Organist von einem Platz aus alle vier Orgeln gleichzeitig bespielen kann. Wie er dies mit zwei Händen macht bleibt mir verborgen, deshalb bin ich ja auch kein Organist. Was man so alles erfahren kann, wenn man in die Kirche geht um sich auszuruhen.

Die drei Stücke sind sehr facettenreich:

  • Johann Sebastian Bach – Präludium und Fuge B-Dur
  • Metallica – Nothing Else Matters
  • Carlotta Ferrari – Ecstasy

Carlotta Ferrari ist eine lebende italienische Komponistin, die über 500 Stücke geschrieben hat.

Nach dieser Erbauung gehe ich mit neuem Elan die restlichen 15 km bis nach Netzen, welches direkt am gleichnamigen See liegt. Unterwegs begegnet mir noch ein Jungbauer auf einem Feldweg vier Mal mit seinem Mini-Unimog. Entweder war die Arbeit schlecht organisiert (viermal auf vielleicht zwei Kilometer) oder es macht einfach Spaß mit diesem Mini-Unimog über die Feldwege zu heizen. Ein richtiges Männer oder Jungbauern Spielzeug. Etwas Nass aber zufrieden erreiche ich meine Unterkunft, heute mal wieder mit Aussicht auf Abendessen. Eigentlich wollte ich heute etwas weniger laufen, aber eine schöne Stadt verleitet mich doch noch das eine oder andere zusätzlich anzusehen. Aber morgen ist auch noch ein Tag.


Entfernung

Etappe – 37,1 km

Gesamt – 746,5 km

Höhenmeter

Etappe – 120 m

Gesamt – 3.408 m