Etappe 22 – Von Netzen nach Potsdam – 37,5 km

Der heutige Tag ist geprägt von den Seen, den Wäldern und den Park von Sanssouci sowie der Stadt Potsdam. Der Tag beginnt verregnet am Netzener See, bevor es dann mit Verspätung Richtung Potsdam geht. Ziel ist das Büro, wo ich herzlich mit Kaltgetränken empfangen werde.



Netzen – Nahmitz – Bliesendorf – Petzow – Schwielowsee – Geltow – Potsdam

Der Morgen beginnt regnerisch. Der Startzeitpunkt wird nach hinten verschoben, bis der stärkste Regen vorbei ist. Im Regen liegt der See sehr ruhig da. Weiter geht es durch Wälder und an weiteren Seen vorbei Richtung Potsdam. Die Dörfer unterscheiden sich nicht wesentlich von den vorherigen, meist Straßendörfer ohne einen ausgeprägten Ortskern. In Petzow gibt es noch eine Schinkelkirche, also kulturbeflissen hoch den Berg zur Kirche. Die Kirche steht romantisch auf einem Hügel mit Blick auf die Seen in der Umgebung. Eine ideale Kirche zum Heiraten. Dies scheint sich auch bereits bei der hiesigen Bevölkerung herumgesprochen zu haben. Durch die stattfindende Hochzeit war ich doch etwas abgelenkt von der Schlichtheit und Schönheit der Kirche. Braut und Bräutigam erwarten Einlass. Alles ist vorbereitet, selbst zwei Buggis für Zwillinge stehen bereit. Vielleicht hätte dem Brautpaar mal jemand sagen sollen, dass es so schnell mit den Kindern auch nun wieder nicht geht und dass sie auch nicht schon so groß auf die Welt kommen.

Da die App weiteren Regen ab 13.00 Uhr voraussagt, schaue ich wie weit ich bis dahin komme. Ein Lokal Alte Försterei passt genau und klingt auch bodenständig verlockend. Leider ist sie geschlossen aber das nächste Restaurant ist in 800 m Entfernung angezeigt. Also schnell hin und ich wurde auch freundlich aufgenommen trotz oder wegen des gehobenen Ambiente. Kaum sitze ich auf der Terrasse unterm Schirm, fängt es auch zu tröpfeln an. Auf der Terrasse sitzt noch ein älterer Herr vor seinem Cola (schlafend) und ein Paar, Herr etwa 70 und sie ca. 30 Jahre jünger. Der Herr ist sehr extrovertiert und sie wohl seine Muse. Die Küche ist hervorragend. Er erzählt von seinen großen Taten und seinen Erfolgen, Geschichten, die sie wohl schon zig Mal gehört hat. Ihre Aufgabe ist ihm zuzustimmen und ihn zu erheben. Meine Rolle wird mir auch klar, ich bin das Publikum. Der schlafende Herr eignet sich wohl wenig dafür. Die Unterhaltung ist steht’s so laut, dass ich ohne Anstrengung mithören kann, was mir besonders leicht fällt, da ein schwäbischer Unterton nicht zu überhören ist. Mit steigendem Weinkonsum, übrigens einen Rosé von Künstler aus dem Rheingau, der von dem Herren aufs höchste gelobt wird (ich kenne einige Weine von Künstler, die so ein Lob weit aus mehr verdient hätten), gleitet die Erhebung des Herrn in Erniedrigung der Muse, was ja im Umkehrschluss wieder zur Erhebung des Herrn führt, ab. Die Details spare ich hier aus. Fazit: eine Muse muss wohl ihr Dasein mit viel Selbstverzicht der eigenen Persönlichkeit erkaufen und wie schön, dass ich mich wohl nicht mehr zur Muse eigne.

Nach dem Mahl geht es weiter durch den Wald und Park von Schloss Sanssouci nach Potsdam.

Potsdam war vor allem eine Garnisonsstadt. Sie hatte auch eine Stadtmauer, von der heute noch die Tore Zeugnis abgeben, wie z.B. das Brandenburger Tor. Dieses ist nicht mit dem Berliner zu verwechseln. Das Besondere am Brandenburger Tor ist, dass es zwei Gesichter hat. Carl von Gontard entwarf die Stadtseite, sein Schüler Georg Christian Unger die Feldseite. Die Stadtmauer hatte nicht wie in anderen Städten die Hauptfunktion ihre Bürger zu schützen, sondern als Garnisonsstadt sollte sie die Desertion und den Waffenschmuggel verhindern.

Ziel ist das Büro in Potsdam, wo ich schon von einem Filmteam erwartet werde. Wie ich von den Kolleginnen erfahren muss, ist dass Filmteam nicht für mich, sondern der Dreh für „SoKo Potsdam“. Ich werde mit mehreren Kaltgetränken herzlich von den Kolleginnen empfangen und durchs quatschen komme ich fast zu spät zum Abendessen. Auch der Blog wird dadurch etwas später, aber zur Frühstückslektüre reicht es noch.

Jetzt sind über drei Wochen vergangen und ein Viertel der Strecke ist geschafft. Was hat sich verändert? Ich bin beim Ein- und Auspacken sehr routiniert, alles hat seinen Platz. Der Rucksack sitzt jetzt und mit welcher Kraft ich die Schuhe zu welcher Tageszeit binden muss, sitzt auch. Wenn ich alleine laufe habe ich meinen Rhythmus. Der wurde mit der Zeit schneller, was sich in etwas längeren Etappen niederschlägt, noch mehr in früheren Ankunftszeiten oder in Städten in längeren Besichtigungszeiten. Ich kann’s mir leisten, ein Orgelkonzert einzuschieben. Beim Laufen muss ich mich an Mitläufer anpassen und nicht anders herum, downsizen geht, anders herum ist es für Mitläufer eine Qual. Keine Angst ich kann dies. Geistig wollte ich eigentlich nichts ändern und somit hat sich auch wenig geändert, mit wenigen Ausnahmen. Mit Situationen kann ich mich gut arrangieren, wenn ich sie doch nicht ändern kann. Und ich bin noch gelassener. Eine Situation, wie im Café mit einer unwilligen Bedienung (siehe Etappe 18), hätte mich vorher wahrscheinlich rasend gemacht und ich wäre gegangen. Jetzt war es eine kostenlose Vorführung einer verfehlten Berufswahl, obwohl es mich auch betroffen hat. Da ich beim Laufen genügend Zeit habe über Dinge nachzudenken, beobachte ich genauer, da die Gedanken nicht wo anders sind. Dies kommt euch in Form der Schilderung der Erlebnissen mit anderen Menschen zu gute. Das Laufen macht weiterhin Spaß, so dass es morgen weiter geht.


Entfernung

Etappe – 37,5 km

Gesamt – 784,0 km

Höhenmeter

Etappe – 182 m

Gesamt – 3.590 m