Etappe 27 – Von Jüterbog-Altes Lager nach Wittenberg – 27,8 km

Jüterbog wollte ich schon immer mal sehen, da ich beruflich darüber Aussagen gemacht habe und ja nachschauen muss, ob sie wahr sind. Nachdem gestern die alten Kasernen am Ende standen, beginnt heute die Wanderung am ehemaligen Militärflughafen. Bei Dauernieselregen geht es nach Zahna, wo ich einen trockenen Unterschlupf in einem Bauernmuseum finde. Das letzte Stück geht es dann mit dem Taxi nach Lutherstadt Wittenberg, damit nicht noch das letzte Hemd durchnäßt ist.



Jüterbog Altes Lager – Kaltenborn – Dalichow- Blönsdorf – Zahna – Lutherstadt Wittenberg

Das Frühstück ist liebevoll angerichtet mit hervorragenden Marmeladen, einem frischen Ei, Naturjogurt mit Verzierungen, Obst, Wurst, Käse, Schinken,…. Es entschädigt etwas das gestern fehlende Abendessen, wobei es wird mir jetzt noch schmerzlicher bewusst, was mir im Restaurant EssLust entgangen ist. Zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. Die Art des servierens macht mir klar, dass ich Brandenburg schon wieder verlassen habe und in Sachsen-Anhalt bin.

Los geht es zum ehemaligen Militärflughafen Jüterbog (Jüterbock, wie das Bockbier ausgesprochen, wie mich ein Einheimischer korrigiert). Der ganze Bereich bzw. Ort war sowjetische Militärbasis, sowohl die Kasernen, das Munitionslager und der Flughafen. Hier habe ich noch eines der wenigen Zeugnisse der russischen Besatzungszeit gesehen (Bild), das meiste scheint ausgemerzt worden zu sein.

Den doch erheblichen Umweg habe ich gemacht, um meine eigenen vor vielen Jahren zu Jüterbog gemachten Aussagen zu überprüfen. Herr Fuchs und ich haben zu Beginn der 90er Jahre ein vergleichendes Gutachten zum möglichen Standort des neuen Berliner Flughafens gemacht. Jüterbog hat relativ schlecht angeschnitten wegen folgender Kriterien:

  • Viel zu weit weg von Berlin (Haupteinzugsgebiet); es sind drei Tagesmärsche, also stimmt noch
  • Schlechte Verkehrsinfrastruktur; stimmt nur noch bedingt, einen ICE habe ich durchrauschen aber natürlich nicht halten gesehen
  • militärische Altlasten als schwer kalkulierbares Risiko; die vielen Warnschilder bezeugen dies noch heute
  • fehlende sonstige Infrastruktur; diese hätte in diesem doch eher ländlichen Bereich erst geschaffen werden müssen. Man rechnet pro 1 Mio. Paxe (=startender oder landender Passagier) mit 1.000 direkt am Flughafen anfallenden Arbeitsplätze. Dies kann aus der Region ohne erheblichen Zuzug nicht bedient werden.

Also in Summe alles richtig gemacht. Wie der dritte zur Auswahl stehende Standort hieß, weiß ich schon nicht mehr.

Die Graswege, die ich sonst so für das Laufen liebe, machen jetzt klatsch nasse Schuhe. Bei jedem Schritt wird das Wasser von den Grashalmen über die Schuhe abgewischt. Die Wanderung geht durch kleine Orte. Da heißt eine Bushaltestelle auch mal Kaltenborn Kreuzung und die Aussage ist eindeutig!

Nach 6 Stunden Dauernieseln bin ich doch ziemlich durchnässt. Kalt ist es mir nicht, solange ich in Bewegung bleibe. In dem Bauernmuseum Von Zahna, ein von einem Verein mit Ehrenamtlichen betriebenen Museum, finde ich trockenen Unterstand. Ein pädagogisches Konzept kann ich nicht erkennen, aber mit viel Liebe und Aufwand zusammengetragene und restaurierte landwirtschaftliche Geräte. Nach einem Plausch (sie haben mich gut verstanden) über ihre Arbeit, die Anzahl der Besucher, etc. bin ich das restliche Stück mit dem Taxi gefahren (einTaxifahrer der nicht geklagt hat) und schnell unter die warme Dusche. Morgen möchte ich ja nicht krank sein und weiter wandern.

Nach der Aufwärmphase gehe ich noch die Lutherstadt Wittenberg besichtigen. Schöne Bürgerhäuser über all. Die Stadt hat auch die notwendige Infrastruktur für einen florierenden Tourismus mit Läden, Lokalen und Cafés. Wittenberge war eine geisteswissenschaftliche Hochburg und auch deshalb war dies auch Luthers Hauptwirkungsort.

Das Abschnittsbild zeigt die Schlosskirche, an dessen Tür Luther seine 95 Thesen genagelt haben soll. Wie ihr sicher alle wisst, hätte er heute damit wesentlich mehr Schwierigkeiten, den die ehemalige Holztür wurde durch eine Bronzetür ersetzt. Halten da Magnete?

Sein Hauptwirkungsort war, wie allgemein bekannt, neben der Universität die Stadtkirche St. Marien. Sie liegt wirklich in der Stadt eingepfercht ohne den nötigen Raum zu haben, entsprechend zur Geltung zu kommen. Sie verschwindet direkt hinter dem Markt. Aber vielleicht passt diesjährige besser zur Luthers Weltbild.

Beim Flanieren sehe ich noch eine Werbung ganz anderer Art. Den Spruch beherzige ich jetzt, aber ohne einkaufen zu gehen. Als weitere Kirche besuche ich noch die Fronleichnamskapelle. Damit habe ich in drei Kirchen etwas für meine geistige Erbauung getan und nun werde ich in drei Gängen etwas für meine körperliche Erbauung tun. Eine vierte oder fünfte Kirche habe ich nicht mehr besucht, den alles mehr als drei Gänge wäre heute Abend Völlerei! Guten Appetit.


Entfernung

Etappe – 27,8 km

Gesamt – 952,2 km

Höhenmeter

Etappe – 63 m

Gesamt – 4.633 m