Das Ziel des heutigen Tages ist sich dem Brocken anzunähern, sowohl in der Entfernung als auch in der Höhe. Hier weiter oben werden die Dörfer und Städtchen netter und der Fremdenverkehr nimmt deutlich zu. Die für den Harz typischen holzverkleideten Häuser prägen das Bild. Typisch für den Harz sind auch die vielen Stauseen, hauptsächlich zur Trinkwassergewinnung. Da muss ich heute auch noch welche sehen. Ich bin in einer richtigen Wandergegend. Soviel Wanderer sind mir selbst auf dem gesamten Rennsteig vor ein paar Jahren nicht entgegen gekommen wie heute an einem Tag. Hauptanziehungspunkt ist und bleibt der Brocken mit seinen Hexen. Ohne eines von beiden kommt fast kein Gasthaus aus. Schierke ist der Ausgangspunkt für Kurzwanderer zum Brocken.

Holzverkleidete Schule in Hasselfelde 
Konservierung des Holzes 
Brockenbahn
Allrode – Hasselfelde – Königshütte – Elend – Schierke
Was gibt es Schöneres bereits morgens genauso freundlich empfangen zu werden wie man abends verabschiedet wurde. Das Hotel ist familiengeführt, dass heißt ein älteres Ehepaar schmeißt den Laden. Er hat mir verraten, dass er promovierter Agrarökonom ist. Er kellnert mit eigenem Stil, aber mit viel Freude. Für ein Gespräch von Doktor zu Doktor ist er auch nicht abgeneigt.
Da es erst ab 8.00 Uhr Frühstück gibt (Urlaubsregion), geht es etwas später los. Der erste Ort, durch den ich komme, ist Hasselfelde. Hier finde ich eine Vielzahl von renovierten Häusern, bevorzugt die mit Holz verkleideten typischen Harzhäuser vor. Einige sind auch noch „unbehandelt“. Lebensmittelgeschäfte sehe ich keine. Wo kaufen denn die Leute ein? Alles im Supermarkt einmal die Woche?
Je höher ich komme, desto mehr Bäume sehe ich, die verdorrt aussehen. Verwunderlich ist nur, dass es ganze Abschnitte gibt, in denen die Nadelbäume sehr grün und gesund aussehen. Im Nationalpark soll bewußt nicht eingegriffen werden und da setzt der Borkenkäfer großflächig dem Wald, vor allem dem Fichtenwald zu. Wenn das Todholz nicht geräumt wird, gibt es paradiesische Bedingungen für den Borkenkäfer. In verschiedenen Bereichen werden großflächig die geschädigten Bäume abgesägt und das Holz herausgeholt. So viel Holz am Wege habe ich noch nie gesehen. Ziel soll es sein, dass sich der Wald selbst verjüngt. Dies ist jedoch ein Prozess, der Jahrzehnte dauern kann.
Da nicht alles Holz sofort verarbeitet werden kann, wird es am Rand über Kilometer aufgeschichtet und wohl auch regelmäßig behandelt, wahrscheinlich gegen Borkenkäferbefall. Die Dame, die das Mittel spritzt, hat einen Vollköperanzug und eine geschlossene Gesichtsmaske an und hört freundlicher Weise auf zu spritzen, als ich näher komme. Ich nehme nicht an, dass sie die Maske wegen Corona trägt.
Heute ist der von mir ausgesuchte Weg schon zweimal fast nicht begehbar. Einmal ist der gekennzeichnete Weg durch umgestürzte Bäume versperrt. Also drüber klettern und weiter. Ein sichtbarer Weg ist danach nicht mehr erkennbar und ich muss mich quer durch den Wald und durch hohes Gras, bei dem ich gerade noch drüber schauen kann, durchschlagen. Dafür sehe ich nicht mehr den Boden. Ohne GPS wäre die Orientierung sehr schwer. Die Bäume liegen wohl nicht erst seit diesem Jahr herum. Das zweite Mal werde ich von einer jungen Dame darauf hingewiesen, dass ich in einem Kinderheim der Diakonie befände, womit ich grundsätzlich keine Schwierigkeiten habe. Im Gegensatz zu meiner Karte gäbe es keinen Durchgang, was für mich natürlich ein schlagendes Argument ist. Also wieder einen Umweg laufen.
In Elend, einem kleinen Ort, der in Hinweisschildern erklärt woher sein Name kommt und dass dieser nichts mit unserem heutigen Begriff Elend gemein ist, möchte ich mich noch kurz stärken vor dem letzten Aufstieg. Erst jetzt merke ich, dass sich die letzten Tage ein Begleiter mir angeschlossen hat. Dieser Herr, um so einen muss es sich handeln, verfolgt mich oder läuft vielleicht sogar voraus seit Meisdorf. Dieser Herr heißt Ruhetag. War er in der Burg Falkenstein Montags und Dienstags, in Allrode Dienstags, so ist es hier in Elend Dienstags und Mittwochs. Hätte dieser Herr Ruhetag nicht an einem Donnerstag loslaufen können?
Also überquere ich noch die Gleise der Brockenbahn und setzte mich auf eine Bank, um noch einen kleinen Riegel in mich rein zu schieben und meinen Trinksack noch etwas zu erleichtern. Eine ältere Dame kommt mit ihrem etwa zwölf Jahre alten Enkel und stellt sich mit ihm auf eine in der Nähe befindliche Brücke. Da ich denke, die wollen sich auf die Bank setzen, schließe ich meine Pause ab und packe wieder meinen Rucksack. Ich werde von der älteren Dame schon fast körperlich zurückgehalten, weiter zu gehen. Sie erklärt mir, ich könnte doch jetzt nicht gehen, denn gleich kommt die Dampflok der Brockenbahn. Wer möchte sich mit so einer resoluten älteren Dame anlegen? Ich nicht, da würde ich den kürzeren ziehen. Ich frage sie, ob sie mit der Bahn schon mal gefahren ist und sie antwortet, dass sie früher von Dresden nach Leipzig damit gefahren wäre (sie meinte Dampflokomotive. Schöner als die Dampflokomotive war das beseelte Gesicht der Dame beim Vorbeirauschen des Zuges. Freunde von alten Eisenbahnen ist also keine ausschließliche Männerdomäne!
Das fehlende Mittagessen spürt mein Körper. Aber drei Tage hintereinander Glück zu haben wäre ja fast schon unverschämt. Probleme damit hätte ich aber keine. Ich bin müder als am Tage vorher, trotz weniger Höhenmeter. Nun habe ich die Marke von 600 m ü. NN überschritten.

Entfernung
Etappe – 35,1 km
Gesamt – 1.214,1 km

Höhenmeter
Etappe – 552 m
Gesamt – 7.342 m