Etappe 35 – Von Schierke nach Clausthal-Zellerfeld – 34,0 km

Nun ist der Brocken dran. Mit 1.141 Metern ist er der höchste Berg Norddeutschlands. Da die Fichtenwälder unterhalb des Gipfels durch den Befall des Borkenkäfers abgestorben sind, steht der Gipfel noch exponierter da. Normalerweise liegt der Gipfel im Nebel, jedoch nicht wenn ich komme. Kurz nach dem Gipfel gehts in die Berbaustädte in Niedersachsen.



Schierke – Torfhaus – Altenau – Clausthal-Zellerfeld

So voll habe ich in den vergangenen Wochen noch keinen Frühstücksraum gesehen. Von Abstand am Buffet kann keine Rede sein, aber immerhin alle mit Maske. Schnell habe ich gefrühstückt, nur schnell wieder heraus. 8.00 Uhr Frühstücksbeginn scheint doch vielen zu spät zu sein. Wie unterschiedlich anderseits wieder Menschen sind, merk ich als ich zurück zum Zimmer gehe. Ich laufe bereits mehr als 1.000 km durch Deutschland und andere nehmen vom zweiten in den ersten Stock in Wanderkleidung den Fahrstuhl. Bezahlt ist bezahlt, also muss man ihn auch nutzen!

Der Weg zum Brocken geht über ca. 6 Kilometer 600 Meter bergauf. Haupsächlich im oberen Bereich muss ich über größere Granitbrocken aufwärts steigen. Da kommt mir meine Größe zu gute. Ich bin auf mich stolz, als ich die ersten 5 km in einer Stunde und 20 Minuten geschafft habe. Die letzten 1,2 km gehen dan noch auf der Betriebsstraße aber genauso steil nach oben. Und dann kommt so ein Moment, den wirklich niemand braucht. Ein Jogger läuft leicht und locker an dir vorbei, verschwindet um die nächste Kurve und weg war er. Dann weißt du, dass du nur „relativ“ gut warst.

Der Brocken mit seinen 1.141 Metern ist der höchste Berg Norddeutschlands und schon von weitem sichtbar. Ich habe ihn schon 3 Tage im Auge und nähere mich ihm ständig. Durch seine exponierte Lage ist er auch extrem dem Wetter ausgesetzt. Die Niederschlagsmenge ist etwa doppelt so hoch als im Umland. Für seine Starkwinde und Orkane ist der Berg berühmt und in diesem Zusammenhang wahrscheinlich der am häufigsten in deutschen Wetterberichten genannte. Nebel verwehrt meist den Blick vom Berg. Die Flora und Fauna ist der in den Alpen auf einer Höhe von 1.600 bis 2.000 Metern vergleichbar. Der erste deutsche Alpengarten wurde keineswegs in den Alpen errichtet, sondern 1890 hier auf dem Brocken. Von Wolken, Regen oder Stürmen sehe ich heute nichts, derzeit nur Sonne mit aufziehenden Wolken.

Sichtbar ist jedoch hier das extreme Fichtensterben, wie ihr es auch ohne große Anstrengung auf den Bildern sehen könnt. Durch das plötzliche Umstellen von Nutzwald in ein Nationalpark lässt sich dies wahrscheinlich kaum vermeiden. Eine Sorge haben sie hier, wie sich dies auf den Tourismus auswirkt. Hier sind meist die roten Schilder „Zimmer belegt“ draußen, aber auch einzelne „ Zimmer frei“, was für einen Wanderer wie mich positiv zu bewerten ist.

So ein Berg hat eine lange Geschichte. Durch seine markante Lage und der weiten Sichtbarkeit in wurde er als Zielpunkt in der Astronomie eingesetzt (Scheibe von Nebra). Schon 1736 gab es auf dem Brocken die erste Bebauung und ab 1800 das erste Gasthaus. 1899 wurde die Brockenbahn eröffnet, die höchste deutsche Bahn ist, die ausschließlich über Adhäsion funktioniert. Bis 1959 war der Brocken touristisch zugänglich, bevor er ab 1961 zum absoluten Militärsperrgebiet ausgerufen wurde. Die bekannten Spionageanlagen der DDR als auch der Russen zum Abhören des Funkverkehrs in der BRD wurden errichtet. Nach der Wiedervereinigung zogen die letzten Russen nach Abbau der Anlagen 1994 ab. Als zivile Sendeanlage diente der Brocken bereits seit 1935 und heute wieder.

Beim Aufstieg habe ich mich noch gewundert, dass mir einige Wanderer schon entgegen kommen. Oben gibts die Lösung: man kann auf dem Brocken auch Übernachten. Ich weiß nicht, wie lange man vorher buchen muss. Noch überraschter bin ich beim Abstieg über den neuen Goetheweg nach Torfhaus. Alleine im ersten Kilometer kommen mir mehr als 100 Leute entgegen. Und auch die nächste Stunde reißt der Strom nicht ab. Es sind weit mehr als 1.000 Leute, die mir entgegenkommen. Es ist eine bunte Mischung von Leuten, die 20 Jahre älter sind als ich, Familien mit Kindern in allen Altersklassen, Leute in Turnschuhen und normale Wanderer.

Über Torfhaus, heute im Wesentlichen ein Feriendorf, geht es in die Bergbaustädtchen Altenau und Clausthal. Aus der Erfahrung der Vergangenheit folge ich nicht dem Vorschlag meiner App. Abends mit einem gewissen Erschöpfungszustand nimmt die Wahrscheinlichkeit von Verlaufen und Umwegen erheblich zu. Ich habe eine alte Bahnstrecke gefunden, auf der ich von Altenau nach Clausthal laufe. Alte Bahnstrecken haben den Vorteil, dass sie in der Steigung sehr begrenzt sind. Morgens stink langweilig, abends das Richtige, um voll ans Ziel zu kommen.

Viele Zeugnisse der Vergangenheit weisen noch heute auf die Bergbauvergangenheit hin. Die Städte brachten es durch Eisenerz- und Silberabbau zu einer gewissen Bedeutung. In Clausthal wurde der Bergbau bereits 1930 eingestellt. Die TU Clausthal ist heute in Deutschland die Nummer 1, falls jemand Bergbau oder Verhüttungstechnik studieren möchte.

Frieder hat mich auf eine sehr nette Art darauf hingewiesen, dass ich eure literarische Weiterbildung nicht vernachlässigen sollte. Es doch schön, wenn ehemalige Kollegen so mitdenken. Als ich vom Brocken den Neuen Goetheweg herunterging (er war 1777 wohl auf dem Brocken), eher heute ein Promenadenweg als ein Wanderweg, war mir klar, dass kein Weg an einem literarischen Highligth vorbeiführt. Nicht Goethe ist dran, sondern Heinrich Heine. Ihr kennt doch sicher seine „Harzreise“, eine ziemliche genau Beobachtung der hiesigen Bevölkerung. Wenn nicht, schnell lesen (ich auch). Danke Frieder! Und Herr Heine begegnet mir heute zwei Mal, fast live. Auf dem Brocken ist ein Gedenkstein, da auch er da war. Es scheint, dass alle großen Persönlichkeiten einmal auf dem Brocken gewesen sein müssen. Da habe ich ja jetzt Glück. Das zweite Mal begegnet er mir an meinem Hotel. Draußen ist eine Tafel angebracht mit folgendem Text: Der Zyklus Harzreise (1827) gibt durch genaue Beobachtungen und authentische Beschreibungen ein treffendes Bild der Lebenssituation der Bewohner Clausthals und Zellerfelds zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder. Quartier machte Heinrich Heine bei seiner Harzreise im Clausthaler Hotel Goldene Krone.

Und da übernachte ich heute auch. Ich bin mir sicher, dass ich, wie ich auch im Zimmer eines Olympiagoldmedalliengewinners (siehe Etappe 5) übernachtet habe, heute im Zimmer schlafe, in dem schon Heinrich Heine genächtigt hatte, wahrscheinlich in seinem Bett! Gab es damals schon Springboxbetten und LED-Leseleuchten? Unwesentliche Kleinigkeiten.

Auch essenstechnisch ist heute ein Highlight: Auf dem Brocken eine Bratwurst (man weiß ja nicht, ob man heute noch was bekommt), in Torfhaus in einem Motoradfahrerimbiss, in dem ich altersmäßig nicht aufgefallen bin, einen Eintopf (man weiß ja nicht, ob man heute noch etwas bekommt), in Althaus in einem Café noch einen riesigen Windbeutel mit Eis und warmen Kirschen (man weiß ja nicht, ob man heute noch etwas bekommt) und dann noch in Clausthal noch ein Steak (ich weiß ja, dass dies heute mein letztes Essen ist). So viel Glück hatte ich noch nie!!! Das Restaurant Hat wegen Corona abends nur Do, Fr und Sa offen🙂🙂🙂.

Übrigens, dem Herrn Ruhetag war der Anstieg über den Brocken zu anstrengend. Kein Wunder bei seinem Namen. Seit Elend habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er wird den Berg doch hoffentlich nicht umgehen?


Entfernung

Etappe – 34,0 km

Gesamt – 1.248,1 km

Höhenmeter

Etappe – 784 m

Gesamt – 8.126 m