Etappe 36 – Von Clausthal-Zellerfeld nach Lindau – 34,8 km

Der Harzer-Hexen-Stieg geht noch bis Osterode, wobei dieses Stück wenig mit einem Stieg gemein hat. Die Waldarbeiter sind voll aktiv, so dass noch ein kleinerer Umweg wegen Baumfällarbeiten hinzu kommt. Osterode ist eine hübsche Fachwerkstadt mit einer funktionierenden Infrastruktur (Essen, Trinken). Jetzt beginnt der Übergangsbereich bis zum nächsten Wandergebiet, dem Sauerland. Diese Bereiche sind immer für eine Überraschung gut. Hier gehts erst mal entlang der Oder bis zur Unterkunft in Lindau. Ja, dieses Lindau liegt an dieser Oder!



Clausthal-Zellerfeld – Osterode – Schwiegershausen – Wulften – Lindau

Der Weg führt mich erst mal zurück vom Ort zum Harzer-Hexen-Stieg, dem ich die letzten Tage im Wesentlichen gefolgt bin. Abweichungen sind meist wegen der Übernachtungsmöglichkeiten erforderlich (im Wald zelten war noch nie meine Sache und ich wäre auch Heinrich Heine nicht so nahe gekommen). Der erste Teil führt mich an mehreren Stauseen vorbei, die fast alle mehrere hundert Jahre alt sind. Über Kanäle, vergleichbar mit den Waalwegen in Südtirol oder den Levadas auf Madeira, wurde das Wasser gesammelt und den Seen zugeleitet. Für den Bergbau war die Wasserkraft zum Antrieb der Mühlen, die wiederum z.B. die Winden für die Schächte antrieben, extenziell erforderlich, und zwar das ganze Jahr über. Die Seen, und es sind viele, speisten die Wasserräder in Trockenen Zeiten und dienen heute der Badefreude. Also wenn jemand mal schwimmen möchte ohne laufend auf andere aufpassen zu müssen, nix wie hier her.

Bis Osterode folge ich nun dem Harzer-Hexen-Stieg, der von Osterrode nach Thule über den Brocken führt. In diesem Abschnitt ist der Weg ein gut ausgebauter Waldwirtschaftsweg. Auch hier sind Holzfällerarbeiten in Gange, die mich zu einer Umleitung zwingen. Wie gestern ist auch jemand dabei kräftig das abgelagerte Holz zu spritzen, jedoch mit weißem Vollkörperanzug.

Der Weg ist identisch mit dem Hundscher Weg, was soviel wie Hoher Weg gemäß einer Informationstafel bedeutet. Im Mittelalter wurden viele Fernwege auf den Bergrücken angelegt, da diese leichter begehbar und befahrbar waren. Die Flüsse waren noch nicht begradigt und die Talauen oft sumpfig und nass. Auch der Rennsteig im Thüringer Wald war nichts anderes als so eine Hochstraße, in anderem Sinne als das Wort heute verwendet wird.

Gut zeitlich geplant bin ich zu Mittag in Osterode, einer der bekannten fünf Fachwerkorte des Harzes. Den Block könnte ich alleine mit Bildern von Osterode füllen.

Ich sitze vor dem Gasthaus Ratswaage von 1550 und warte auf mein Essen. Hier oben esse ich nun zum dritten Mal Spätzle und auch diese sehen handgemacht aus. Spätzle scheinen nicht nur eine schwäbische Spezialität zu sein. Noch interessanter ist der Friseursalon direkt gegenüber (Frisier-Salon Bliedung Damen Herren Kinder), der genauso alt zu sein scheint wie die Ratswaage. Im Schaufenster hängt noch ein Plakat mit einem jungen Herrn mit schulterlangen Haaren von Wella mit der Überschrift „Trend vision 05“. Es sieht schon sehr verblasst aus. Das Schaufenster zieren auch noch 3 Dosen Taft. Ich habe zwar noch niemanden gesehen, aber den Stimmen nach müssen Friseur und Kunde ein hohes Alter haben. Ich muss solange sitzen bleiben, bis jemand heraus kommt. Nicht Neugier, sondern Wissbegierde, ob ich richtig geschätzt habe, treibt mich. Der Preis für den Schnitt ist deutlich zu vernehmen: 18,50. Der Kunde kommt endlich heraus, als er seinen Stock gefunden hat. Er scheint die 80 weit überschritten zu haben und scheint auch zufrieden zu sein, soweit dies mit Gesichtsmaske zu beurteilen ist. Das Ergebnis kann ich nicht beurteilen, denn er trägt einen weißen Schlapphut. Der Friseur ist weißhaarig und sicher schon rentenberechtigt. Fünf Minuten später kommt ein älterer Herr, geht in den Frisier-Salon und wird mit seinem Namen begrüßt. Stammkundschaft. Das Geschäft brummt!

Der restliche Weg erlaubt noch einen schönen Blick zurück in den Harz. Die Landschaft wird offener und die Felder werden wieder bestimmend. Dann kann ich wieder nach einem mähenden Mähdrescher Ausschau halten. Bequem geht es entlang der Oder (der Bach heißt wirklich so) nach Lindau. Ihr habt nichts verpasst, ich bin noch nicht am Bodensee. Ein Schiff habe ich hier auch noch nicht gesehen.

Ich komme noch an einem Sportplatz vorbei beim Training der ganz kleinen. Diese werden heute zum Sportplatz gefahren, die Kinder rennen, die Eltern warten und nach Ende des Trainings können die Kinder nicht mehr laufen. Ich wurde früher nie zum Training gefahren und musste laufen. Vielleicht laufe ich deshalb heute so gerne.

Im Hotel ist sehr großer Waschtag angesagt, aber Waschtag de luxe. Im Hotel gibt es eine Waschmaschine und einen Trockner🙂🙂. Ich muss mich halt solange mit Abendessen und Bierchen gedulden. Geht das Trocknen langsam….

Heinrich Heine hat doch schon inspiriert und manche kennen ihn besser als ich, was ich auch vermutet habe. Frau Groß hat mir von Heinrich Heine ein Gedicht seiner Besteigung des Brockens geschickt, wobei bei mir nur die erste Zeile zutreffend war:

  • Viele Steine
  • Müde Beine
  • Aussicht keine
  • Heinrich Heine

Nun muss ich doch mal nach meiner Wäsche schauen.


Entfernung

Etappe – 34,8 km

Gesamt – 1.282,9 km

Höhenmeter

Etappe – 317 m

Gesamt – 8.463 m