Aus der Stadt heraus gehts wieder ins Mittelgebirge. Wo das Sauerland genau beginnt, kann ich nicht sagen, aber die Richtung stimmt. Jetzt bin ich erst mal im Reinhartswald, der ein Teil vom Weserbergland ist. Der Weg führt direkt am neuen Flughafen Kassel-Calden vorbei. Keine Maschine regt sich. Dafür habe ich kurz danach einen Blick auf den Habichtswald. Nach 42 km erreiche ich müde aber glücklich mein Ziel.

Blick von Hann. Münden auf die Tillyschanze 
Blick auf Hann. Münden 
Anflug von unten
Hann.-Münden – Immenhausen – Calden – Laar – Breuna
Vor allem bei langen Touren komme ich am Besten durch, wenn ich vormittags schon mehr als die Hälfte habe. Deshalb stehe ich auch schon vorzeitig beim Frühstück. Um 7.00 Uhr habe ich zwei Bedienungen und einen Koch (frische Spiegeleier) für mich alleine. Wer steht schon außer mir im Urlaub freiwillig so früh auf? Um 7.30 Uhr, als ich losgehe ist immer noch niemand da. Erst noch in die Stadt, um Vesper zu kaufen. Bei den auf dem Weg liegenden Orten sehe ich keine Chance auf ein warmes Mittagessen. Das Einkaufen ist kein Problem, denn der Metzger hat seit 6.00 Uhr auf. Auch so etwas gibt es. Bäckereien gibt es gleich mehrere, immer mit angeschlossen Cafés, der vielen Touristen wegen. Die ersten sitzen auch schon zum Frühstücken.
Die Werra habe ich beim Betreten der Stadt überquert, verlassen wird die Stadt über die Fulda. Die ersten 100 Höhenmeter habe ich schon bei der Tillyschanze geschafft. Von dort habe ich einen herrlichen Überblick über die Stadt, aber nicht über die „drei“ Flüsse. Die Aussicht ist schon so zugewachsen, dass nur noch die Altstadt betrachtet werden kann. Scherzhaft wird hier auch von der Drei-Flüsse-Stadt gesprochen, obwohl dieses Privileg Passau hat.
Der Aussichtsturm wurde ab 1881 errichtet und hat somit recht wenig mit Tilly zu tun. Dieser hat die Stadt Münden im Dreißigjährigen Krieg 1626 belagert und eingenommen. Kurios ist der Grenzverlauf an dieser Stelle. Hann. Münden gehörte zum Herzogtum Braunschweig und liegt heute im südlichsten Zipfel von Niedersachsen. Der Turm liegt noch auf niedersächsischen Gebiet, das dazugehörige Gasthaus schon in Hessen. Um 8.13 Uhr betrete ich Hessen. Der Weg danach geht noch steiler bergan, da er nicht mehr in Serpentinen verläuft. Ab 170 Höhenmeter gehts dann flacher weiter. Der Aufstieg geht noch mehrere Kilometer und weitere 130 Höhenmeter weiter. Das Schwierigste am Anfang ist besser als am Schluss. Um 9.30 Uhr ist der „Höhepunkt“ der Tagesetappe erreicht.
Das Geheimnis, in welchem Mittelgebirge ich derzeit bin, lichtet sich im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Lichtung. Ich bin auf dem Gahrenberg, der zwei höchsten Erhebung des Reinhartswaldes. Die höchste Erhebung ist nur 10 cm höher. Die Lichtung entstand durch ein früheres Braunkohlebergwerk an dieser Stelle. Beim Abstieg manche ich noch einen kleinen Umweg, da dort ein Blick auf den Habichtswald angekündigt ist. In dem habe ich auch schon eine Mehrtageswanderung mit mehr Comfort gemacht (kürzere Etappen und Gepäcktransport). Man sieht dann einfach mehr. Im Habichtswald liegt auch das Herkulesdenkmal, welches zumindest einige bei einem Projektpartnermeeting in Kassel abends noch bestiegen haben. Die anderen haben sich lieber der Bar zugewandt, bzw. ich habe gemeint sie haben sich intensiv der Kommunikation und des Gedankenaustausches hingegeben.
Die Lokale haben natürlich an einem Montag alle zu, von normalem Ruhetag bis obskuren Begründungen. Bei einem. Café sind die normalen Öffnungszeiten von 9.00 Uhr bis 18.00 Uhr. An der Tür hängt ein Schild: wegen Corona neue Öffnungszeiten von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Worin liegt der Sinn? Sollen sich die gleichen Leute statt in 9 Stunden jetzt in 3 Stunden das gleiche verzehren? Oder sollen durch die gedrängten Öffnungszeiten die Leute leichter anstecken? Auch der Wirt in meinem Hotel konnte mir den Sinn nicht erklären. Vielleicht kann’s einer von euch.
Dies war in Calden, einen Ort den viele richtigerweise mit dem Flughafen Kasel-Calden in Verbindung bringen. Viele sagen ja, dies sei der unsinnigste Regionalflughafen Deutschlands. In der Stunde, in der ich ihn im Blicke habe, ist weder eine Maschine gelandet noch gestartet. Der Flughafen ging 2013 in Betrieb, hat seine Ziele jedoch weit verfehlt was Passagieranzahl und Frachtaufkommen angeht. Schon während dem Bau wurde geäußert, dass dies der unnötigste Flughafen Deutschlands sei. Betriebswirtschaftlich ist dies sicher leicht zu belegen, was der Nutzen für die Region ist, kann ich nicht beurteilen. Zumindest haben sich ZF und Airbus hier angesiedelt. Die Anflugbefeuerung sieht witzig aus. Sie liegt in einer Talsenke und es sieht aus, als ob die Flugzeuge von unten anfliegen müssen.
Endlich komme ich in meinem Hotel in Breuna an. Niemand da, die Tür ist offen. Ich rufe die ausgehängte Nummer an und der Seniorchef, der wie ich eigentlich Ruheständler ist, kommt. Wir kommen sofort ins Gespräch. Ich bin am 16.04. geboren, dem Hochzeitstag seiner Eltern. Er ist übrigens im Mai im gleichen Jahr geboren. Eine Früh-, Früh-, Frühgeburt oder so ähnlich. Er ist genauso Weinliebhaber und Gourmet wie ich, wenn auch ohne Zweifel auf einem anderen Niveau. Ich trinke ein alkoholfreies Weizen und wir kommen ins Plaudern. Er bringt mir ohne Aufforderung ein zweites, ein äußerst sympathischer Mensch . Wir gehen sogar in Südtirol ins gleiche Hotel, ein unendliches Thema. So geht im Nu eine Stunde wie im Fluge vorbei, bevor ich duschen gehen kann. Ich habe noch unheimliches Glück, da ich der letzte Gast bin, der von ihm bekocht wird. Ab morgen bleibt die Küche kalt und er kocht vorzüglich. Er fliegt erst mal in Urlaub. Bei dem Wein ist er erst mal in den Keller gegangenen und hat nach seinen Schätzchen gesucht und auch einen schönen Weißburgunder gefunden.
Das Zimmer hätten wir fast vergessen. Ich bekomme das Zimmer 26, die gleiche Nummer hatte ich gestern und vorgestern. Zufälle gibts, wie auch mit den Mähdreschern, die ich auf dieser Wanderung noch nie ernten gesehen habe. Obwohl, ich glaub gar nicht mehr, das die Mähdrescher die Felder abernten.
Jetzt in ich doch glatt beim Schreiben eingeschlafen, aber zum Frühstück ist der Bericht natürlich fertig. Liegt es daran, dass dies die drittlängste Etappe mit den zweitmeisten Höhenmeter war oder am guten Wein? Wahrscheinlich eine Kombination von beidem.

Entfernung
Etappe – 42,1 km
Gesamt – 1.389,3 km

Höhenmeter
Etappe – 697 m
Gesamt – 10.071 m