Der Übergang vom Reinhartswald zum Sauerland muss heute geschafft werden. So einen aufgeschlossenen Gastwirt wie gestern schaffe ich heute nicht mehr. Die Landschaft ist leicht hügelig, was ein stetiges und langgezogenes Auf und Ab bedeutet. Schön finde ich die Farben, das Rotbraun der frisch umgepflügten und geeggten Felder, das Grün der Wiesen und Wälder und das Goldgelb der Getreidefelder. Ein Bild kann dieses Farbenspiel nicht vollständig abbilden, da noch die Wechsel in der Insentivität durch Sonne und Schatten hinzu kommt. In Essentho bin ich richtig im Sauerland angekommen.

Kugelsburg bei Volkmarsen 
St. Marien in Volkmarsen 
Alternatives Hotel in Marsberg
Breuna – Volkmarsen – Schmillinghausen – Marsberg – Essentho
Eigentlich wollte ich über Warburg die Diemel entlang weiter Richtung Westen laufen. Bei genauerer Planung heute Nacht habe ich festgestellt, dass es im Tal kaum Wanderwege gibt und ich die Hälfte der Strecke der B2 entlang laufen müsste. Also Flexibilität zeigen und ade du schönes Flusstal (eben laufen 🙂) und ab in die Hügellandschaft mit doch ein paar Höhenmeter mehr☹️. Aber ich mach ja dies freiwillig!
Dann also wieder auf die Landstraße und erst mal wieder die Autobahn A44 unterqueren, um nach Volkmarsen zu laufen. Über der Stadt thront die Burg, besser die Ruine der Kugelsburg. Beim Anmarsch sieht es zumindest malerisch aus. Dies ist wohl die Einkaufsstadt in der Gegend. Die Stadt hat einen mittelalterlichen Stadtkern, der jedoch einige Lücken aufweist. Einige Geschäfte sind wohl aufgegeben, auch die Apotheke, die überall eingezeichnet ist. Ich brauch mal wieder Pferdesalbe für meine schlanken Fesseln. Nach den Straßennamen um die Kirche und den Namen der Kirche St. Marien ist darauf zu schließen, dass ich in einer katholischen Gegend bin. Den Kirchentürentest kann ich nicht durchführen, da der Bereich wegen Bauarbeiten gesperrt ist.
Für die erste Pause habe ich mir ein sehr unruhiges Plätzchen in der Nähe eines Bauernhofs ausgesucht (war die erste Bank). Der Bauer schreit fast hysterisch seine Kühe an, die aber unbeeindruckt bleiben. Vielleicht verstehen sie ihn einfach nicht. Wenn es was Gutes hat, nämlich dass dann seine Kinder verschont bleiben, halte ich dass gerne noch ein Weilchen auf meiner Bank aus. Ich kann ja dann weiterlaufen, wenn’s mir zu viel wird.
Auf den Höhen bläst der Wind heute kräftig. Nicht umsonst stehen hier so viele Windräder. Ein Bauer fährt mir mit seinem riesigen Traktor entgegen mit dem Handy am Ohr. Auch Traktoren lassen sich heute wohl einhändig ohne Geschwindigkeitsverlust um die Ecke fahren. Nach dem langen Anstieg ist weit und breit keine Bank zusehen. Dafür ruft mich mein Banker an. Es ist doch schön, wenn sich das Geschäftliche so nebenbei telefonisch regeln lässt. Gegenseitiges Vertrauen hilft dabei. Er erzählt mir dann noch, dass er am Wochenende Mähdrescher beim Arbeiten gesehen hat. So ungerecht ist die Welt. Ich bin jeden Tag draußen, laufe Kilometer um Kilometer über Felder und sehe keinen. Er wollte mich wahrscheinlich nur aufbauen, dass ich weiterhin daran glaube, dass die Felder tatsächlich von Mähdreschern abgeerntet werden. Im Sauerland wird dies eher schwierig, es sei denn, Mähdrescher ernten auch Weitnachtsbäume, wofür die Zeit definitiv noch zu früh ist. Mein Banker ist durch Termine wesentlich gehetzter, der Nächste steht schon vor seiner Tür. Und schon ist die Welt für mich wieder ein bisschen gerechter….
Vor Marsberg beende ich meinen kurzen Besuch in Hessen. Innerhalb von zwei Tagen bin ich in drei Bundesländern gewandert. Es liegt nicht an den Hessen , dass ich das Bundesland so schnell wieder verlasse, aber in dieser Gegend ragt ein Zipfelchen Niedersachsen nach Süden, ein Zipfelchen Hessen nach Norden und eingeklemmt sind diese beiden durch Thüringen und Nordrhein-Westfalen. So habe ich jetzt meine Füße in 10 der vorgesehenen 13 Bundesländer gesetzt. Welche 3 noch fehlen und welche 10 bzw. eigentlich 9 ich schon hinter mir habe, darüber dürft ihr euch heute Nacht während ich schlafe Gedanken machen. Lösungsvorschläge korrigiere ich gerne, sofern es nötig ist.
Ab ins Tal nach Marsberg und auf der anderen Seite wieder hinauf. Auf dem Weg sehe ich ein Hotel mit schönem Garten (siehe Bild). Hier würde ich jetzt auch gern sitzen und nicht mehr den Berg hochlaufen nach Essentho. Leider hat die Sache ein paar Haken. Erstens habe ich schon im Hotel Sauerland gebucht, zweitens hat dieses Hotel heute Ruhetag und ich bekäme nichts zu essen und drittens müsste ich Morgen als erstes den Berg hochlaufen. Was ist die Lehre draus: nicht alles was schön erscheint ist auch schön! Dass ich das Sauerland jetzt erreicht habe ist klar. Erst mal der Name meines Hotels „Sauerland“ und die Autos fahren mit der Nummer HSK herum. Die Besitzer des Hotels sind definitiv keine Sauerländer, deshalb trinke ich zum Abschluss einen Genever. Wo kommen wohl die Besitzer her. Heute Morgen habe ich gedacht, so einem kommunikativen Wirt wie gestern halte ich nicht mehr durch, so werde ich im Laufe des Abends eines besseren belehrt. Ich bin der einzige Gast im Hotel (es hat auch keine 26 Zimmer) und von der Wirtin kenne ich jetzt alle Probleme der Gastronomie sowie die besonderen Probleme mit den Dorfbewohnern. Ebenso werden die Themen Kindererziehung, Corona, saisonale Schwankungen bei den einzelnen Kundengruppen und Verbot von Motorradfahrern am Wochenende durchgesprochen. Mir ist jetzt nichts menschliches mehr fremd.
Dies ist wieder so ein Tag, wenn du die Route anschaust, denkst du, heute gibt es nichts zu schreiben. Und schon retten Dich ein Bauer, ein Banker und eine Wirtin. Man erlebt jeden Tag so viel, was aber in der Hektik des Alltags untergeht. Genießt es, wenn ihr mal Zeit habt. Ich genieße es gerade (wenn es gerade nicht steil bergauf geht).

Entfernung
Etappe – 33,8 km
Gesamt – 1.423,1 km

Höhenmeter
Etappe – 660 m
Gesamt – 10.731 m