Etappe 55 – Von Trechtingshausen nach Kiedrich – 39,8 km

Heute verlasse ich die Weinbauregion Mittelrhein und komme ins Rheingau. Die Hänge sind nicht so steil und die Rebflächen großräumig. Die absolute Südausrichtung der Hänge lässt trotzdem hervorragende Tröpfchen gedeihen. Der Weg führt an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei, so dass für Abwechslung gesorgt ist.



Trechtingshausen – Bingen – Rüdesheim – Abtei St. Hildegard – Johannisberg – Kloster Eberbach- Kiedrich

Der letzte Rest des Weltkulturerbes Oberes Mittelrheintal steht noch an. Hier werden die Hänge schon etwas Flacher und das Tal wirkt breiter. Gleich in Trechtingshausen liegt die Burg Reichenstein, die zuletzt erstellte von den romantischen Rheinburgen. Sie wurde um 1900 auf Resten von Ruinen erstellt. Sie ist heute eine eigene Marke und wird gut vermarktet. Busse willkommen. Ein Museum sowie Schänke und Hotel sind ebenfalls vorhanden. An Wochenenden sind Hochzeiten sehr beliebt. Für den etwas größeren Geldbeutel lässt sich auch ein exklusives Dinner auf dem Turm oder in einem anderen Bereich arrangieren. Danach folgt noch die Burg Rheinstein, eine weitere Bilderbuchburg. Schön ist der Prangerkorb, der am Burgfried hängt. Heute könnte man wahrscheinlich darin eine Abenteuernacht über dem Rhein teuer verkaufen.

Nun komme ich in Bingen an, wo ich auch übernachtet habe. Die Idee mit Bingen und dann mit dem Zug zurückfahren, habe ich von einem älteren Wanderer, den ich gestern getroffen habe. Er wohnt am Rhein und macht so in Etappen den ganzen RheinSteig. Abends fährt er immer wieder zurück und übernachtet im eigenen Bett. Also erst mal zum Frühstück. Das Konzept hier heißt: alles einzeln verpackt, beginnend bei den Brötchen, Milch, Marmelade…… Am Nachbartisch sitzen vier Holländer, die etwas länger schon frühstücken. In der Mitte ist jetzt ein Berg Verpackungsmüll, aber sie können sich gerade noch in die Augen schauen. Ein stimmiges Konzept für Coronazeiten. Hotelketten achten wegen ihrem Ruf noch mehr auf die strikte Einhaltung der Regeln. Der Weg zur Fähre geht auch durch ein Landesgartenschaugelände. Dies wird jedoch mit Grünflächen, Spielplätzen, Bäumen und Verweilplätzen sehr gut angenommen.

Da die Personenfähre derzeit wegen Corona nicht fährt, gehts mit der Autofähre hinüber nach Rüdesheim (2,20 €). Schon wieder zwei Kilometer zusätzlich. Ich muss doch einmal in meinem Leben durch die (leere) Drosselgasse gegangen sein. Trotz der Leere vor 10.00 Uhr lässt sich aufgrund der angrenzenden Lokale und der jetzt schon schallenden Musik das tägliche Inferno erahnen. Also schnell mit der Seilbahn auf den Berg, 1.300 m gespart, noch wichtiger 200 Höhenmeter gewonnen. So eine historische Seilbahn muss man einfach mit einer Fahrt unterstützen. Wenn ich die Drängelgitter vor dem Eingang jedoch betrachte, muss ich mir um die finanzielle Ausstattung der Bahn keine Sorgen machen.

Die Bahn führt zum Niederwaldsdenkmal gegenüber des Zusammenflusses von Rhein und Nahe, ein Denkmal der Wiedervereinigung und des Sieges über die Franzosen von 1870/71. Oben thront die Germania, mit hoch erhobener Reichskrone für das wiedervereinigte Reich und das gesenkte Schwer als Zeichen für den Frieden. In dieser Zeit wurden einige dieser Monumentaldenkmäler errichtet, zu denen auch das vom Deutschen Eck, dem Zusammenfluss von Rhein und Mosel zählt.

Weiter gehe ich zur Abtei. St. Hildegard. Dieses Kloster ist der Hildegard von Bingen, eine Abtistin im frühen Mittelalter, die sich auch sehr stark mit Heilkunde befasst hat. Das Benediktinerkloster wurde erst nach 1900 neu gebaut. Die Ausmalungen, die das Leben und Wirken der Hildegard von Bingen darstellen, sind von Beuroner Mönchen gefertigt worden. Sozusagen schwäbische Malerei. Gleichzeitig mit mir ist noch ein Ehepaar. Er stimmt einen Dankeschoral an mit einer tollen Stimme. Dies klingt in so einer Kirche ergreifend. Das Kloster wirbt damit, dass sie das einzigste sind, welches ohne fremde Hilfe den Wein selber machen, also ein Wein von Nonnen.

Der Weg geht oft direkt durch die Weinberge und ich komme an Weingütern vorbei, die besser im gutgeführten Kellerbuch stehen sollten:

  • Schloß Johannisberg
  • Schloß Vollrads
  • Robert Weil

um nur ein paar zu nennen. Eine Kleinigkeit von ein paar Fläschchen habe ich auch im Keller. Wenn es so bei 34 Grad im Schatten in der prallen Sonne durch die Weinberge hinauf geht, reflektiere ich den guten Radschlag von Kollege Bornmann, doch einfach in solchen Augenblicken die Kappe nass zu machen. Ich weiß nicht wie dass geht, eine nasse Kappe nass zu machen. Soll ich zuerst den eigenen Schweiß auswringen, damit die Kappe überhaupt was aufnehmen kann. Es würde zumindest weniger Ränder geben. Bringt 34 Grad warmes Wasser aus dem Rucksack auf der Kappe mehr Verdunstungskälte als der eigene Schweiß? Ich sehe ihn ja am Freitag und werde mal nachfragen.

Letzte Sehenswürdigkeit auf der heutigen Etappe ist Kloster Eberbach. Das erste was mich hier interessiert ist die Klosterschänke. Ein kaltes Getränk ist wie eine Erlösung, zwei wie eine doppelte Erlösung. Die meisten von Euch haben zumindest Teile vom Kloster schon gesehen. Das Kloster war Schauplatz von vielen Szenen bei Der Name der Rose. Eine Besichtigung lohnt sich auf jeden Fall.

Übernachtung ist in Kiedrich. Jetzt regnet es abends, was zumindest die Abkühlung unterstützt. Morgen soll es ja nicht ganz so heiß werden, nur 31 Grad. Beim Wandern ist dies spürbar. Es sind doch wieder ein paar Kilometer mehr geworden. Die frühmorgendliche Teil verleitet mich doch mehr zu laufen, wenn man beim Frühstück schon 10 km In den Beinen hat. Aber 40 km wären doch einfach unvernünftig gewesen.

Heute habe ich den Mount Everest sozusagen das zweite, aber sicher nicht das letzte Mal erklommen. Das erste Mal habe ich dafür 37 Etappen benötigt, das zweite Mal nicht mal die Hälfte, nämlich 18 Etappen. Auch von der geplanten Entfernung habe ich 2/3 absolviert, aber bis zum Ende ist es noch ein ganzes Stück.


Entfernung

Etappe – 39,8 km

Gesamt – 1.898,7 km

Höhenmeter

Etappe – 751 m

Gesamt – 17.775 m