Heute wandere ich den ganzen Tag im Innern des Odenwalds. Die Landschaft ist so lieblich und schön, dass man sehr gelassen und ruhig wird. Selbst die Kühe liegen lieber als sie zum Grasen stehen. Hier kann man die Seele baumeln lassen.

Erbacher Schloß mit Elfenbeinschnitzerei (links) 
Grüner Marbacher Stausee durch Blaualgen 
Noch in Hessen! Gilt nicht nur für Tankstellen
Michelstadt – Erbach – Günterfürst – Etzean – Beerfelden – Gammelsbach
Heute Nacht hat es nochmal kräftig geregnet, aber nachts stört mich das nicht. Die Wege waren gestern alle trocken, obwohl es gestern auch nachts und morgens geregnet hatte. Freuen wir uns auf einen trockenen Wandertag. Meine Frau läuft die nächsten Tage wie bereits am Anfang wieder mit.
Die Wirtin des Hotels ist schon sehr speziell. Sie hat schon sehr konkrete Vorstellungen, wie die Gäste sein sollen und wie sie das Hotel zu buchen haben, aber ihr Frühstück ist hervorragend. Michelbach und Erbach grenzen unmittelbar aneinander. Ohne Ortsschild wüsste ich gar nicht, wo ich bin. Sehr schön ist das Schloss mit altem Rathaus und noch so ein paar Häuser. Der beherrschende Stein bei den historischen Bauwerken ist der Odenwälder Buntsandstein, ein Sedimentgestein (siehe Etappe 59). Wie in Michelstadt gibt es auch hier einMuseum und einen Verkaufsladen für Elfenbeinschnitzerei.
Die Elfenbeinschnitzerei war lange Zeit Erbachs wichtigster Wirtschaftszweig. Er hat sich aus der Holz- und Horndrechslerei entwickelt. Im 18. Jahrhundert führte der Fürst die Elfenbeinschnitzerei als zusätzliche Erwerbsmöglichkeit ein. Mit der Zeit entwickelte sich Erbach zum Zentrum und Vorbild für ganz Deutschland. Die hier entwickelten Motive wurden von vielen anderen Schnitzereien nachgemacht. Im ausgehenden 19. Jh. lebten in Michelstadt und Erbach 50 selbständige Meister und 150 Gesellen davon. Nach dem ersten Weltkrieg nahm die Bedeutung ab. Heute gibt es immer noch Elfenbeinschnitzer, aus Artenschutzgründen wird in den meisten Fällen das noch frei handelbare Elfenbein von Mammuts aus dem sibirischen Permafrost verwendet.
Nachdem mich mal wieder jemand nach dem Weg gefragt hat, was mir laufend sowohl von Fremden als auch von Einheimischen passiert, ich dank meines immer griffbereiten iPads auch noch auskunftsfähig bin, geht es langsam weg von den Verkehrsstraßen auf die Höhen. Die Anstiege sind vergleichsweise sanft, aber lang. Es geht an einem Golfplatz und an Pferdekoppeln vorbei. Am Marbacher Stausee, der ausschließlich dem Hochwasserschutz dient, gibt es viele Warnschilder über die Gesundheitsgefährdung, da der See stark mit Blaualgen befallen ist, was ihn ganz grün färbt.
Essenstechnisch ist es wie immer, nämlich nichts. In Beerfelden finden wir endlich ein offenes Café, jedoch ist auf der Terrasse eine geschlossene Gesellschaft. Die Gruppe feiert die Einschulung eines ihrer Sprösslinge. Nach einem Stück Käsesahne mit Mandarinen laufen wir weiter und kommen auch an der Schule vorbei. Die Einschulung ist immer noch in Gange, da wohl jedes Kind einzeln eingeschult wird.
Unsere Unterkunft hat auch eine Bäckerei im Haus. Ich frage mich, was das Besondere an der hessischen Bäckerei ist, dass auf die letzte in Hessen so hingewiesen wird? Vielleicht erfahre ich dies morgen beim Frühstück.
In der Zwischenzeit sind genau zwei Monate und schon über 2.100 km zusammen gekommen. Wenn man daraus ein Alleinstellungsmerkmal machen möchte oder die Anzahl sehr stark reduzieren möchte, muss man nur die Randbedingungen etwas reduzieren. Wer ist schon mal 2.000 km am Stück ohne Unterbrechung gelaufen? Wer hat schon 2 Monate am Stück Zeit? Entweder Rentner oder Studenten oder Schüler nach dem Abschluss. Also die zweite Einschränkung: über 60, die Jungen sind raus, die ihren großen Trip machen. Noch eine dritte Einschränkung und schon bin ich fast allein: in Deutschland! Erst seit Corona ist die Begeisterung für Deutschland wieder gestiegen. Zudem ist der längste Abschnitt eines Fernwanderwegs in Deutschland der E 1 im Bereich von Flensburg nach Konstanz und dieser ist 1.900 km lang. Dies bedeutet, dass dann schon jemand seine Tour individuell zusammengestellt haben muss. Wenn ich die Anzahl in Relation mit meinem Wohnort Sindelfingen setze, müssten bei 1 % schon 600 Sindelfinger über 60 in Deutschland mehr als 2.000 km am Stück gewandert sein. Selbst 1 Promille, dass sind dann 60 Sindelfinger, erscheint mir noch zu hoch. Vielleicht sollte ich mal in den Schwarzwaldverein, indem doch viele Wanderer vereint sind, gehen, um nachzufragen und nicht wie sonst, um Rostbraten zu essen. Der ist übrigens dort sehr lecker!

Entfernung
Etappe – 26,5 km
Gesamt – 2.104,9 km

Höhenmeter
Etappe – 571 m
Gesamt – 20.920 m