Von Sonthofen geht es die Iller aufwärts bis zum „Illerursprung“ kurz vor Oberstdorf. Im Blick ist immer die Bergkette Richtung Österreich, dem Endpunkt der Wanderung.

Illerursprung durch Vereinigung von drei Flüssen 
Skiflugschanze Oberstdorf 
Typisches Bild mit Kirche
Sonthofen – Fischen – Oberstdorf (Mitte) – Oberstdorf-Birgsau
Übernachtet habe ich heute Nacht in Bad Hindelang im Hotel Wiesengrund. Dies ist auf der ganzen Wanderung das einzige Hotel, in dem der Gastbetrieb im Vordergrund steht und nicht der Hotelbetrieb. Die Tische sind von mittags über die Kaffeezeit bis abends bestens belegt. Drei Mal die Woche gibt es abends Musik vom Feinsten, also so etwas, was man sich beim Après-Ski vorstellt. Ich hatte das „Glück“ an so einem Abend anwesend zu sein. Die ganz große Stimmung ist doch nicht aufgekommen, da in Corona-Zeiten die wenigsten beim Klatschen, Singen und Schunkeln mitmachen wollten, so sehr sich die beiden Musiker auch mühten. Ich habe eine leise Vorstellung, wie es hier in Normalzeiten abgeht und dann möchte ich wiederum hier nicht Hotelgast sein. Dann würde nur mitmachen helfen, aber dreimal die Woche?
An dem Abend habe ich am Tisch einen pensionierten Feuerwehrmann aus Hamburg getroffen. Eigentlich sah er glücklich und zufrieden aus. Was er erzählt hat, waren jedoch fast alles negative Erlebnisse (professioneller Diebstahl seines Wohnmobils) oder die Schwierigkeiten des Pensionärlebens (er muss als Privatversicherter seine Rechnungen bei zwei Kassen einreichen und die Zahlungen vorstrecken). Seine Frau warf dann doch noch ein, dass er aber immer sofort beim Arzt Termine bekommt. Warum hält sich Positives und Negatives nicht zumindest die Waage bei Erzählungen? Vielleicht muss ich und auch jeder andere darauf achten, mehr ans Positive zu denken. So schlecht ist das Leben doch gar nicht, zumindest für mich und auch für viele andere.
Mein Startpunkt liegt heute am Ende meiner gestrigen Etappe, am Bahnhof in Sonthofen. Zum Startpunkt fahre ich mit dem Bus. Da ich Kurtaxe bezahlt habe, frage ich an der Rezeption, ob diese auch heute noch gilt. Sie bejaht dies, ich soll die Karte, die gleichzeitig auch Zimmerschlüssel ist, anschließend zurückbringen. Gutes Konzept mit einer Karte, aber nicht zu Ende gedacht oder doch? Auch heute sehe ich keinen Radfahrer, auch nicht das Rad schiebend, in der Zeitschriftenhandlung im Bahnhof. Sonthofen ist bekannt als Bundeswehrstandort, da hier die Gebirgsjäger stationiert sind, und als südlichste Stadt Deutschlands. Oberstdorf liegt südlicher, ist aber „nur“ Markt und somit die südlichste Gemeinde Deutschlands.
Der Weg führt mich wieder auf den Illerradweg, den ich schon einmal von Ulm nach Vöhringen (Etappe 71) gegangen bin. Der kleine Abstecher nach München verlängert die Wanderung um 10 Tage, aber ich handele nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“. Ich möchte keinen dieser Tage missen, schon wegen der Menschen , denen ich begegnet bin oder die mich begleitet haben.
Ab 10.00 Uhr wird es doch recht voll auf dem Radweg. Ab Fischen führt ein eigener Fußweg parallel zum Radweg Richtung Oberstdorf. Dieser Abschnitt hat eine sehr hohe Bankendichte, nicht so eine wie in Jungholz (Etappe 82), sondern von Sitzbänken. Hier kann ich eine Pause einlegen mit Blick auf die Iller. Weiter geht‘s bis zum Illerursprung. Die Iller hat ein ähnliches Schicksal wie die Weser. Sie entspringt nicht, sondern entsteht durch den Zusammenfluss mehrerer Flüsse, bei der Iller 3 (Breitach, Stillach, Trettach), bei der Weser zwei in Hann. Münden (Etappe 38).
Der Weg geht mitten durch Oberstdorf hindurch. Oberstdorf ist eine touristische Stadt mit allen Vor- und Nachteilen. Seit über 100 Jahren ist schon der Haupterwerbszweig der Tourismus. Dies gilt sowohl für den Sommer wie auch für den Winter. Der Weg geht weiter ins Stillachtal, einer der Quellflüsse der Iller. Ich laufe bis zur letzten Station des Busses, damit ich die Schlussetappe noch mehr genießen kann. Unterwegs komme ich noch an der Skiflugschanze vorbei, nach eigenen Aussagen die drittgrößte Schanze der Welt. Der Hügel ist schon imposant und wenn man sich von unten nähert sieht man weder Schanzentisch noch den Schanzenturm. Der Auslauf ist beängstigend kurz, auch wenn er bergauf geht. In Birgsau ganz in der Nähe der Busendstation befindet sich die Alpe Eschbach, eine angenehme Art auf den Bus zurück nach Oberstdorf zu warten.
Mit der Musik scheine ich Glück zu haben. Im Hotel gibt es jeden Donnerstag Haxe mit Livemusik. Ich lasse mich mal überraschen.
Dies war jetzt meine vorletzte Etappe auf der langen Wanderung. Insgesamt merke ich schon, dass ich etwas ermüde und der Körper doch mal eine längere Erholungspause als eine Nacht benötigt. Auf morgen freue ich mich. Auf jeden Fall wird er höhenmäßig der Höhepunkt.

Entfernung
Etappe – 26,2 km
Gesamt – 2.845,3 km

Höhenmeter
Etappe – 272 m
Gesamt – 30.081 m